Seminar im Studienfach Berufsethik an
der Verwaltungsfachhochschule Gießen

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Erstes Kompaktseminar im Studienfach Berufsethik


Gruppenbild der Studiengruppe 1/97/P-03 mit DozentenIm Rahmen eines Pilotprojektes nahm die Studiengruppe 1/97/P 03 der Verwaltungsfachhochschule Wiesbaden - Studienort Gießen-, an zwei Kompaktseminaren im Studienfach Berufsethik teil.
Der nachfolgende Bericht von den beiden Veranstaltungen soll eine mögliche Anregung für andere Studienorte sein, ebenfalls einmal ein solches Experiment zu wagen. Zugleich sollen aber auch die beträchtlichen Vorteile dieser veränderten Lehrveranstaltungsform einmal näher vorgestellt werden. Vielleicht kann dies dazu beitragen, daß in Bezug auf das Studienfach Berufsethik ein gewisser Umdenkungsprozeß stattfinden kann und noch mehr Studierende in den Genuß von Kompakt-Seminaren kommen.



Einleitend seien an dieser Stelle zunächst einige grundsätzliche Gedanken zu dem Studienfach gestattet.
Berufsethische Lehrveranstaltungen in der Verwaltungsfachhochschule sehen sich schon immer mit einer Reihe sehr unterschiedlicher Vorbehalte konfrontiert.
Unter anderem wird dabei der Nutzen der Lehrveranstaltung und die Relevanz ethischer Handlungsorientierungen im polizeilichen Alltag in Frage gestellt. Parallel dazu besteht unter den Studierenden offensichtlich eine deutliche Unsicherheit über den Begriff Ethik, seine Entstehungsgeschichte und aktuelle Bedeutung, seine Beziehung zum Normengefüge, seine sowohl äußeren (gesellschaftlichen), als auch inneren (psychologischen) Aspekte. Unter anderem tragen solche Vorurteile auch mit dazu bei, daß ein vielfältig geäußerter Verdacht aufkommt, wonach Lehrveranstaltungen im Fach Berufsethik einem verdeckten Zweck folgen und möglicherweise zur Indoktrination, oder doch zumindest zu politischer Schulmeisterei, bezüglich der vermuteten Ausländerfeindlichkeit innerhalb der Polizei benutzt werden sollen.

Mit dem Fach Berufsethik bis dato noch nicht bewußt konfrontiert, wurde an die Studiengruppe das Angebot herangetragen, die Lehrveranstaltungen in Form von zwei Seminaren durchzuführen. Zugleich entfiel dadurch die ansonsten übliche Lehrveranstaltung von zwei Stunden wöchentlich, ein sicherlich auf den ersten Blick verlockendes Angebot. Gleichwohl mußte die Angelegenheit sorgfältig überdacht werden, da die anfallenden Seminarkosten für Unterkunft und Verpflegung, zuzüglich der unterschiedlichen Fahrtkosten, von den Studierenden selbst aufzubringen waren. Die Studiengruppe entschied sich dann aber ohne Gegenstimme sehr schnell für die Teilnahme an diesem Versuch, sah man doch auch eine hervorragende Chance, die Kameradschaft und das Zusammengehörigkeitsgefühl bei den zwei Mehrtagesseminaren innerhalb der Gruppe weiter zu festigen. Die beiden Seminarorte wurden von den Dozenten im Vorfeld der Veranstaltung ausgesucht. Es handelte sich um die Jugendherberge in Wetzlar und das Haus der Jugend in Hohensolms. Gruppendiskussion

Im Verlaufe der beiden Veranstaltungen, die jeweils von Freitag, 09.00 Uhr bis Samstag 16.00 Uhr dauerten, konnten die anfangs geschilderten Vorbehalte von den Dozenten, Pfarrer Udo Färber und dem Jugendkoordinator beim PP Gießen, Siegward Roth, relativ schnell abgebaut werden. Vor allem die immer wie- der feststellbaren Strukturprobleme des normalen Frontalunterrichtes und der sich aus der Randständigkeit des Faches ergebende Mangel an Beachtung kamen im Verlaufe der Seminare nicht zum Tragen. Im normalen Studienalltag fällt es den Studierenden fast zwangsläufig schwer, sich in der raschen Abfolge von prüfungsrelevanten Fächern "zwischendurch" für eine kurze Unterrichtseinheit auf den konflikthaften und emotional bedeutsamen Charakter ethischer Fragestellungen einzulassen. Hinzu kommt, daß die zum normalen Studienbetrieb gehörenden inneren Haltungen und Einstellungen, wie Leistungsorientierung und Prüfungsausrichtung, den Zugang zu Inhalten der Berufsethik erheblich erschweren. Diese Problematik stellte sich den Mitgliedern der Studiengruppe 1/97/P-03 zu keinem Zeitpunkt der Veranstaltungen.
Losgelöst von den alltäglichen Lehrveranstaltungen, in einer anderen Umgebung und vor allem ohne die relativ starre Pausenregelung im Rücken, konnten die angesprochenen Themenbereiche je nach Bedarf und Engagement ausgiebig oder auch mal kürzer behandelt werden.
Da ethische Werthaltungen und Handlungsorientierungen ihre Bedeutung immer aus dem Abgleich mit den genau gegenläufigen menschlichen Realitäten, wie beispielsweise negativen Affekten, triebhaften Impulsen und sozialschädlichen Strebungen erfahren, sind sie immer auch konfliktträchtig und zugleich emotional bedeutsam. Insoweit werden sie von den einzelnen Personen auch sehr unterschiedlich erlebt. Aus diesen Gründen kommt dem individuellen Erleben, der persönlichen Betroffenheit des Einzelnen, eine besondere Schlüsselstellung bei der Beantwortung der Frage zu, wie sie im Berufsalltag vorkommen und sich dort auswirken. Ein solcher Zugang ist in der Struktur von normalen Lehrveranstaltungen nur schwer erreichbar. Zwar haben wir die normalen Lehrveranstaltungen im Fach Berufsethik zum direkten Vergleich nicht erlebt, gleichwohl bestätigen Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen diese Problematik eindrucksvoll. Hat man begonnen, sich in ein Thema hineinzudenken und dieses auch emotional zu begleiten, folgt die Pause oder die Veranstaltung ist bereits zu Ende. Im Verlaufe eines Seminares stellt sich diese Frage zu keinem Zeitpunkt.
Gruppenarbeit im Freien
Gruppenarbeit, Rollenspiele oder ähnliches haben einen breiten Raum und eignen sich hervorragend, um den notwendigen Zugang zu eröffnen und für einen angemessenen Bearbeitungszeitraum auch zu erhalten. So kann unter anderem der berufsspezifische Umgang mit dem Tod, wie beispielsweise beim Überbringen einer Todesnachricht, in Form eines Rollenspiels leichter verdeutlichen, was im Rahmen einer Lehrveranstaltung durch Frontalunterricht wesentlich schwerer zu erarbeiten wäre. Nämlich die Klärung der Frage, was Ethik mit dem konkreten polizeilichen Alltag zu tun hat. Gerade das Überbringen einer Todesnachricht, verbunden mit einem sehr realistisch gestalteten Rollenspiel, hinterließ bei allen Seminarteilnehmern einen nachhaltigen und auch tiefgehenden Eindruck. Gefühle wurden dabei ebenso eingebracht, wie Einfühlungsvermögen und Emotionen. Durch Gespräche und Aufarbeitung des Erlebten innerhalb der Gruppe hatten alle eine Chance, für sich persönlich etwas Verwertbares für die alltägliche Praxis mit nach Hause zu nehmen.

Natürlich kam neben den berufsethischen Inhalten der Seminare auch die Kameradschaft nicht zu kurz. Und gerade auch im Rahmen der gemütlichen Abende wurde die große Bedeutung solcher Seminare ins Bewußtsein der Beteiligten gerückt. Die Thematik wurde nämlich weiter vertieft und auch außerhalb der Gruppenstunden eingehend diskutiert, so daß wir am Ende viel Positives durch diese veränderte Form einer Lehrveranstaltung er fahren haben. Mein Dank gilt an dieser Stelle, auch im Namen der Studiengruppe, den beiden Dozenten Färber und Roth, wobei Siegward Roth auch den Inhalt dieses Berichtes tatkräftig unterstützte. Beide Dozenten verstanden es in hervorragender Weise, sich in die Gruppenarbeit einzubringen und insofern ein Stück weit Bestandteil dieser zu sein. Das Bild des Dozenten bei üblichen Lehrveranstaltungen durch Frontalunterricht kam erst gar nicht zum Tragen. Ferner ist die großartige Unterstützung und Begleitung der Seminare durch die Leitung der VFH, Studienort Gießen, namentlich durch Herrn KD Struth, hervorzuheben. Dieser ließ es sich nicht nehmen, die Studiengruppe während beider Seminare, sowohl in Wetzlar, als auch in Hohensolms zu besuchen, um sich so unmittelbar ein Bild über den Ablauf der Veranstaltung zu machen.


Text: Eckhard Kömpf, Studiengruppensprecher
Fotos: Eberhard Dersch



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